Kultur & Brauchtum
06.12.2020
Gabriele Grießenböck

Das Reither Nikolausspiel als bäuerlicher Jedermann

Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse

Es ist eine mehr als 300 Jahre alte Tradition und eine absolute Rarität, die da auf der kleinen Bühne in Reith im Alpbachtal gezeigt wird. Dabei steht nicht der Namensgeber im Mittelpunkt, sondern der Kampf zwischen Gut und Böse, den der Tod letztendlich gewinnt.  

Traditionelle Nikolausspiele zählen zu den besonderen und seltenen Aufführungen in der Weihnachtszeit. In Tirol pflegt man nur noch in Reith im Alpbachtal diese Form des Schauspiels, das weniger die Person des Hl. Nikolaus, sondern viel mehr die stetige Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse thematisiert. Das Reither Nikolausspiel ist seit dem Jahr 1690 belegt und wurde 2014 in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes Österreichs der UNESCO aufgenommen.

Kampf zwischen Jüngling und Tod, den nur einer gewinnen kann

Das Reither Spiel über die Jahrhunderte immer wieder erweitert.

Mitte des 19. Jahrhunderts war das Spiel schließlich „fertig“. Heute werden nicht mehr alle Szenen gespielt. Das würde den Rahmen des Abends sprengen. Auch diese Tradition ist mit der Zeit gegangen. Das „Reither Nikolausspiel“ besteht aus zwölf typischen „Bildern“. Thematisch dargestellt wird die Auflehnung Reich gegen Arm (Förster und Goaßer, Bauer und Knecht), Alt gegen Jung (Vater und Sohn) sowie der Kampf zwischen Gut und Böse (Verstellter, Pilger, Engel). Die moralischen Geschichten sind Spiegelbilder gesellschaftlicher Norm- und Wertvorstellungen, die auf die Jesuitenmission während der Zeit der Gegenreformation zurückgehen. Zentraler Punkt des traditionellen Nikolausspiels ist das „Jedermann“-Motiv: Der aussichtslose Kampf zwischen Jüngling und Tod, den letzterer für sich gewinnt. 
 

Moralische Geschichten als Spiegelbild der Gesellschaft

Bis 1919 wurden die kirchlich-pädagogisch geprägten Aufführungen als Stubenspiel aufgeführt.

Die Laiendarsteller zogen von Bauernhof zu Bauernhof spielten einzelne Szenen. Die Aufführungen zogen sich über die gesamte Adventszeit. Im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts kamen die meisten Spiele zum Erliegen. Das Nikolausspiel in Reith ist heute das einzige, das auf eine fortlaufende Dauer verweisen kann. Heute werden die zwölf Bilder als gesamte Stück auf der Bühne des Stockerwirts aufgeführt. 
 

Stück stammt aus dem Jahr 1875
Die älteste Niederschrift von 1875 befindet sich immer noch im Besitz der Familie des Verfassers Jakob Feichtner. Sie dient nach wie vor als Spielvorlage, ebenso wie die Abschrift von Josef Hechenblaikner aus dem Jahr 1952. Daher darf es auch nicht verwundern, wenn das ein oder andere Dialekt-Wort vorkommt, dass selbst die Schauspieler nicht mehr kennen. Aber gerade das macht den Charme des Reither Nikolausspiels aus. Mit der Übernahme der Spielorganisation durch die Bundesmusikkapelle erhielt das Nikolausspiel eine institutionelle Grundlage.
 

Der Tod verzichtet auf die Larve

Neue Kostüme, neue Masken

Die Kostüme und Bühnenbilder wurden über die Jahrhunderte und Jahrzehnte immer wieder erneuert und die musikalische Untermalung und Umrahmung von Kapellmeister Michael Klieber ergänzt. Der Tod erscheint nicht immer mit geschnitzter Maske sondern „nur“ geschminkt. Eine besondere Herausforderung auch für Maskenbildnerin Eva Vorhofer. Im Gegensatz zu anderen wird das Nikolausspiel nicht ausschließlich von Männern dargestellt, auch weibliche Mitglieder sind Teil der Aufführung. 
 

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