Geheimtipps
23.02.2022
Gabriele Grießenböck

Der Indiana Jones der Fahrräder

Versunkene Schätze - Der Indiana Jones der Fahrräder

Gerhard Pesta suchte Jahrzehnte mit ungebremster Leidenschaft in allen Winkeln des Landes nach alten Fahrrädern. Und stieß dabei auf echte Schätze.

Die Fahrrad-Sammelleidenschaft

Fahrrad ist Gerhard Pesta schon immer gerne gefahren. Winter wie Sommer ist der mittlerweile pensionierte Mathematiklehrer mit dem Fahrrad die steile Bergstraße von Mehrn bei Brixlegg hinuntergerollt, um in Rattenberg zu unterrichten. Und weil er auch jeden Tag wieder die schweißtreibenden Höhenmeter hinaufgeradelt ist, hat er sich bis heute seine jugendliche Frische und eine sehr gute Kondition erhalten. Dass er schon über 70 Jahre auf dem Buckel hat, kann man dem sportlichen Fahrrad-Liebhaber fast nicht glauben. Aber nicht nur was seine Person betrifft hat er der Vergänglichkeit ein Schnippchen geschlagen.

Gerhard Pesta sammelte sein ganzes Leben lang alte Fahrräder und hat somit Schätze der Fahrradgeschichte für die Nachwelt erhalten.

„Wenn ich mitbekommen habe, dass wieder irgendwo ein Haufen Alteisen für den Abtransport auf der Straße liegt, dann bin ich schon losmarschiert. Dadurch konnte ich etliche zweirädrige Zeitzeugen vor der Verschrottung retten“, berichtet Pesta voller Stolz. Allen Anzeigen in den Zeitungen sei er wie besessen nachgegangen, um neue Raritäten der Fahrradgeschichte zu finden. „Kein Altwarenladen, keine aufgelassene Scheune war vor mir sicher“, meint er schmunzelnd.  Indiana Jones war auf der Suche nach dem heiligen Gral. Gerhard Pesta spürte über Jahrzehnte mit der gleichen Leidenschaft versunkene Schätze auf.

Die richtige Übersetzung für die Berge musste man damals in den Oberschenkeln haben!
Gerhard Pesta

Schönheit durch Design

Besonders die Fahrräder der Marken Puch und Steyr haben es dem Pedalliebhaber angetan. Schönheit beginne beim Design, schwärmt Pesta, der alle seine antiquierten Fahrräder in einem Werkstattschuppen hinter dem Haus aufbewahrt. Fein säuberlich aufgehängt sind die rund 30 Raritäten, die man sonst nur noch in Museen betrachten kann. Hinter jedem Objekt verbirgt sich eine Geschichte. „Dieses Modell 51 Steyr habe ich um 5000,- Schilling erstanden. Der ideelle Wert lag damals schon weit über dem tatsächlichen Preis. Aber ich konnte nicht anders, als es zu kaufen, denn es gab zu der Zeit in ganz Österreich nur noch vier Modelle.“ Ein Stück weiter hängt ein Vorbote der modernen Fahrradtechnik, das Steyr Ballonreifenrad Typ 70 BJ. Das 1934 gebaute Rad sticht durch seine 26x2 Zoll dimensionierten Semperit-Ballonreifen hervor. Deswegen kann man es aus heutiger Sicht durchaus als Vorreiter der Mountainbikes betrachten, wenngleich die Gangschaltung noch ganz simpel war. „Die richtige Übersetzung für die Berge musste man damals in den Oberschenkeln haben“, erklärt Gerhard Pesta mit einem Lächeln. Ein modernes Rennrad wiegt nicht mehr als sieben Kilo. Viele der alten Drahtesel sind aus Stahl und bringen bisweilen locker 20 Kilogramm auf die Waage.

Schrauben statt Zinn

Apropos Material. Eine echte Rarität in Gerhard Pestas Fahrradtempel ist das „Wanderer 2 Gang Rad“ aus Chemnitz, denn im Gegensatz zu anderen Modellen ist das 1938 gebaute Gefährt zur Gänze zusammengeschraubt. „Für gewöhnlich wurden die Räder verlötet“, erklärt Pesta, „aber Ende der Dreißigerjahre wurden die Zinnvorräte allesamt für die Rüstungsindustrie gebraucht.“

Dass Not erfinderisch macht beweist der Superstar von Pestas Sammlung. Weil er nirgendwo ein Hochrad zu kaufen bekam, beschloss der Fahrradtüftler, ein eigenes Hochrad zu bauen. Er hat einen Workshop in Wien besucht, das nötige Material besorgt und schon eine Woche später stand ein nachgebautes Hochrad in Pestas Werkstatt. „Das Bauen war gar nicht so schwer. Die wahre Herausforderung ist das Aufsteigen.“ Wer hoch zu Rad im Sattel sitzen will, der muss zunächst Anlauf nehmen und auf selbigen hinaufspringen. „Wenn man einmal sitzt, ist es gar nicht mehr so schwierig.“ Für einen leidenschaftlichen Radler wie Gerhard Pesta mag das zutreffen, schließlich hat er einen Großteil seines Lebens mit alten Fahrrädern verbracht. Als Laie würde man sich vermutlich Stützräder wünschen. Oder eine Ausfahrt auf den Schätzen, die Gerhard Pesta für die Ewigkeit gehoben hat.

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